when one man dies

when one man dies
the chapter is not torn out of the book
it’s translated into a better language

Heute vor fünf Jahren klingelte am Nachmittag, ich war gerade von der Arbeit heimgekommen, das Telephon und meiner Mutter fiel nichts Besseres ein als das klischeehafte „Sitzt du?“. Als sie zum zweiten Mal fragte ob ich sitzen würde, wusste ich, was los war. Sie hatte bereits versucht, mich in der Arbeit zu erreichen, aber dort teilte man ihr mit, dass ich bereits Feierabend hatte, erklärte sie mir. Ich fragte sie, ob sie noch ganz bei Trost sei, schließlich arbeitete ich im Einzelhandel und das Geschäftstelephon, umgeben von Kunden, ist wohl kaum der geeignete Ort für eine solche Mitteilung. Dann knallte ich den Hörer auf und ging zurück in die Küche, wo J. wie immer saß und außerdem noch eine Freundin von ihr.

Die Beiden wussten nicht so recht, was sie sagen sollten, nachdem ich den Tod meines Großvaters bekannt gab und anschließend Hass-Tiraden über meine Mutter Luft machte, die von Tränen der Wut auf diese Scheiß-Mutter begleitet waren. Ich ging ins Bad, wusch mir mit eiskaltem Wasser das Gesicht um wieder klarzukommen. Meine 5-jährige Tochter erkundigte sich, ob der Opa auch eine Spritze bekommen hätte wie der Hund drei Monate zuvor. Ich erklärte ihr schmunzelnd, dass man Menschen nicht einschläfert. „Wenn Menschen alt sind, sterben sie irgendwann. Das ist ganz normal.“ Daraufhin brach sie in Tränen aus. Allerdings nicht aus Trauer, wie ich vermutete, sondern weil sie mit kindlicher Logik folgerte, dass ich dann auch bald sterben müsse, schließlich sei ich ja auch schon alt. Lachend sagte ich ihr, dass ich noch mindestens doppelt so alt werden würde, bevor ich ans Sterben denken muss. Dann ging ich zurück in die Küche zu meinem Besuch und setzte frischen Kaffee auf – business as usual.

In den folgenden Tagen machte ich wahr, was ich in den Jahren zuvor immer wieder prophezeit hatte. Oft hatte ich gesagt, dass ich den Kontakt zu meiner Familie nur meinem Großvater zu Liebe aufrecht hielt. Demzufolge fühlte ich mich eher befreit als traurig, musste nicht mehr gute Mine zum bösen Spiel machen. Auch hatte ich immer wieder betont, dass ich noch nie auf einer Beerdigung war, daran nichts zu ändern gedenke und auch nicht auf die Beerdigung meines Großvaters gehen würde. Da er seit dem Krieg schwer krank war, rechnete man stets mit seinem Ableben und es wurde öfter thematisiert. Zu Lebzeiten hatten auch noch alle Verständnis dafür, als es jetzt ernst wurde, machte sich allgemeine Empörung darüber breit, dass ich tatsächlich nicht erschien. Warum glauben die Menschen nie, was man sagt? Wie auch immer, ich sah die ganze Mischpoke ein letztes Mal im August desselben Jahres bei der Hochzeit meines Bruders, der hartnäckiger als der Rest den Kontakt zu mir immerhin bis vor einem Jahr hielt, und stellte bei der Gelegenheit fest, dass es nichts zu bereuen gab und bis heute nicht gibt.

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