weg

1985:

Sie wollte mit meinem Bruder in den Ferien nach England fahren, ich sollte allein daheim bleiben das Telefon war bereits abgestellt. „Damit Du während meiner Abwesenheit die Rechnung nicht in die Hoehe treibst.“ Ich hatte zwar einen eigenen Anschluss, aber der lief auch auf ihren Namen und sie ließ ihn ebenfalls sperren. Nun gut, kein Telefon, gibt Schlimmeres…

Zum Beispiel dass der Kühlschrank leer war und sie meinte kein Geld da lassen zu müssen. „Du verdienst doch selbst Geld.“ Stimmt, ich hatte einen Schüler-Job, verdiente ein bisschen Geld, abends in der Zeit von 19:00 – 23:00 Uhr, nicht gerade einfach, wenn man um 08:10 Uhr schon wieder in der Schule sein muss, und Taschengeld bekam ich schließlich auch keines. „Damit ich mir wenigstens mal Klamotten kaufen kann, die ich von dir ja schon seit Jahren nicht mehr bekomme!“ Alles, was ich zu diesem Zeitpunkt besaß, hatten meine Großeltern, mein Onkel oder eben ich selbst bezahlt. Uhh, das hatte gesessen! Sie war zunächst sprachlos, dann folgten zwanzig Minuten heftigste Diskussionen, die schlagartig beendet waren, als ich die Mineralwasserflasche vom Tisch nahm und nach ihr warf. Allerdings nicht um sie zu treffen, sondern nur sprachlos machen zu wollen. Die Flasche landete – wie geplant – auf der Couch neben ihr, es war ruhig.

Sie war kreideweiß und brauchte ungefähr eine Minute um „Du haettest mich treffen koennen“ stammelnd hervorzubringen. „Wenn ich dich treffen gewollt hätte, hätte ich dich auch getroffen!“ erwiderte ich und ging in mein Zimmer.

Sie fuhren also nach England, nichts zu essen, kein Telefon, aber wenigstens Ruhe.

Wenige Tage später beschlossen mein Freund und ich nach Italien in Urlaub zu fahren. Nach drei Wochen ging uns – bedingt durch einen Verkehrsunfall, der 500.000 Lire (ca. 800 DM) kostete – das Geld aus und ich rief bei meiner Mutter, die zwischenzeitlich aus England zurück sein musste, an und forderte sie auf, mir Geld zu schicken. Nach einer kurzen Diskussion über das woher, wieviel und wie fragte sie mich, was ich tun würde, wenn sie kein Geld schicken würde. Ich sagte ihr, dass sei dann die Abschiedspostkarte den Großeltern würde erklären müssen und sie gab nach. Am nächsten Tag war das Geld per telegraphischer Geldanweisung da.

Zurück in München erfuhr ich dann, dass sie im Kollegenkreis (wir arbeiteten im gleichen Betrieb) erzählt hatte, sie hätte mich und meinen Freund in Italien auslösen müssen. Auslösen?! Alle fragten mich, was um Himmels Willen wir angestellt hätten! Selbst der Chefetage war ihre verdrehte Geschichte bekannt! Nachdem ich das, unter anderem um meinen Job behalten zu können, richtig gestellt hatte, rief ich meinen Freund an, erzählte kurz, was vorgefallen war und er holte mich ab. Wir fuhren zu mir nach hause, wo wir dann erst mal auf sie warten mussten, was meine Stimmung nicht gerade verbesserte. Als sie nach ca. 1.5 Stunden endlich kam, war ich wütend wie nie zuvor.

Es folgte ein langer und lautstarker Streit mit Beleidigungen und Beschimpfungen, die sich zunächst ausschließlich gegen meine Person richteten. Sie nannte mich Nichtsnutz, Schlampe, Hure, bedauerte wieder einmal, mich überhaupt bekommen zu haben. „Hätte ich gewusst, was für ein blödes Stück Scheiße aus dir wird, hätte ich damals abgetrieben!“ war das letzte Geschrei, das ich wahrnahm.

So ist das also…

Das blöde Stück Scheiße ging in sein Zimmer, mühsam die Tränen der Wut, Enttäuschung und Verletztheit unterdrückend, packte ein paar Klamotten in einen Rucksack. Jetzt bloß nicht heulen, bloß keine Schwäche zeigen, dachte es. Es hatte diese und andere Worte schon so oft gehört und trotzdem verletzten sie immer wieder.

Wenn dein Bruder so wird wie du, sollen ihn die Großeltern ruhig behalten, dann will ich ihn gar nicht.

Du hast mir mein ganzes Leben verbaut. Weißt du überhaupt, was ich alles hätte machen können, wenn es dich nicht gäbe?

Ja, du warst mal ein Wunschkind, damals wusste ich ja noch nicht, was für ein mieses Stück Dreck aus dir wird.

Ich hätte dich an der Hirnhautentzündung verrecken lassen sollen.

Ja, Mutter, hättest du. Dann könntest du mir jetzt nicht wieder wehtun, nicht schon wieder! Das muss doch mal aufhören, irgendwann, irgendwie…

Das blöde Stück Scheiße wurde plötzlich von einer Entschlossenheit gepackt, die es nicht kannte und die wohl nur aus grenzenlosem Hass und unbeschreiblicher Wut entstehen kann. Es ging in die Küche, die es immer sauberhalten musste (Wofür hab ich dich schließlich?), öffnete die Schublade und nahm das lange Fleischmesser raus. Die Klinge glänzte im Licht, es hatte sie gut poliert, und das blöde Stück Scheiße lächelte innerlich. Es ging mit dem Messer dessen Klinge so schön glänzte ins Wohnzimmer, der Gang ungewohnt forsch, zu allem entschlossen. Es ging auf die Mutter zu, den Griff des Messers dessen Klinge so schön glänzte fest umschlossen, stellte sich vor die Mutter, drückte die Messerspitze gegen den Bauch der Mutter. So fest, dass sie sie spüren konnte, aber noch nicht fest genug um zu verletzen. Die Hand des blöden Stück Scheiße, die sonst immer zitterte, von klein auf schon, war ruhig, so ruhig, wie es seine Hand noch nie gesehen hatte. Und die Stimme des blöden Stück Scheiße war ebenfalls ruhig, weder wütend noch nervös, nur ruhig, gefährlich ruhig, als es sagte: “Noch ein Wort und ich stech dich ab!“

Den Blick hatte es fest in die Augen der Mutter gerichtet, kein Zucken, kein Blinzeln. Es herrschte Ruhe, grausame Stille des Entsetzens für Sekunden, die angesichts der grotesken Situation die Ewigkeit zu sein schienen. Die Mutter schwieg, wagte sich nicht zu bewegen, nicht einmal zu atmen. Ihre Augen waren weit geöffnet, spiegelten das Entsetzen und die Angst wider und ließen gleichzeitig die Verachtung für das blöde Stück Scheiße mit dem Messer in der Hand dessen Klinge so schön glänzte und dessen Spitze immer noch gegen ihren Bauch gedrückt war, erkennen. Und das blöde Stück Scheiße wartete, immer noch mit tödlicher Ruhe in der Hand, den Blick starr auf die Mutter gerichtet, wartete auf eine Bewegung, auf ein Wort, ein Zucken um die letzte Bedingung zu erfüllen, die das Ausführen der Tat rechtfertigen würde.

Leider gewann mein Freund in diesem Moment die Fassung wieder und riss mir blitzschnell das Messer aus der Hand. Ich hasste ihn in diesem Moment dafür, ging in mein Zimmer, holte meine Rucksack, schloss die Tür ab (Meine Mutter hatte die Angewohnheit, in meiner Abwesenheit in meinen Sachen rumzuwühlen.) und sagte: „Komm, lass die Alte labern, ich muss hier raus!“

Als ich wenige Tage später meine restlichen Sachen aus der Wohnung holen wollte, war das Türschloss ausgewechselt.

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