Segeltörn

Mein Verhältnis zu Fortbewegungsmitteln auf dem Wasser wurde schon im Alter von 11 Jahren empfindlich gestört. Anlass war mein erster Segeltörn. C.T., dank Papa Mitglied in einem Segelclub am Starnberger See und Besitzerin eines eigenen Boots, kam auf die Idee, als wir gemeinsam ein Wochenende bei ihrem Dad in Starnberg verbrachten.

Das Boot, welches sie ihr eigen nannte, war eine Optimisten-Jolle. Optimismus konnten wir angesichts des schlechten Wetters gut gebrauchen: es regnete und war ziemlich windig. Während wir – ganz seemännisch in Ölzeug und Gummistiefeln – unser Boot klarmachten, beäugten wir immer wieder skeptischen den See und die Sturmmelder. Da aber keine Sturmvorwarnung gegeben wurde, segelten wir – ausgestattet mit Proviant bestehend aus einer Packung Keksen und einer Thermoskanne Tee – Richtung Berg, ein kleiner Ort am gegenüberliegenden Seeufer, los.

Dort kamen wir auch schneller an, als uns lieb war, da der Wind immer kräftiger ins Segel blies und wir Mühe hatten, selbiges zu halten. Ursprünglich hatten wir vor, bis nach Seeshaupt am Südende des Sees zu schippern, verwarfen diesen Gedanken jedoch angesichts des immer stärker werdenden Windes wieder. In Berg angekommen gelang uns, knapp zwei Meter vor der Mauer, auf die wir geradewegs zusteuerten, ein rasantes Wendemanöver, bei dem das Boot zu kippen drohte. Das Wasser, welches dabei in den Opti gelaufen war, hatten wir schnell wieder rausgeschöpft. Allerdings nicht jenes Wasser, das mit einer für unsere Verhältnisse viel zu großen Welle ins Boot schwappte. Während C.T. große Mühe hatte, den Kahn zu steuern, versuchte ich ebenso verzweifelt wie erfolglos die Wassermassen in den See zurückzubefördern.

Du lieber Himmel! Meine erste Erfahrung als Segler drohte mit meiner ersten Erfahrung als Schiffbrüchiger einherzugehen.

Der Rumpf des Boots verschwand vollständig unter der Wasseroberfläche und es ließ sich nicht länger leugnen, dass wir nicht mehr Herr der Lage waren. In der Mitte des Sees angekommen, gerieten wir in Seenot und sprangen von Bord. Der Starnberger See war saukalt, extrem nass und außerdem auch noch dunkelgrün, was mich sofort bedrohliche Schlingpflanzen oder Loch-Ness-ähnliche Monster vermuten ließ. Allerdings hatte ich keine Zeit, mich zu fürchten. Das Segel löste sich vom Boot und trieb ebenso wie die Ruder davon, das Boot drehte sich und wir versuchten, es zurückzudrehen – ein sinnloses Unterfangen. Wir gaben auf, klammerten uns am Rumpf fest und schauten uns zunächst einmal um. Wir waren ganz allein auf dem See. Kein Mensch war so irre, bei dem Wetter rauszufahren. Nach einer Weile wurde der See aber ruhiger und die Wellen ließen nach. Nicht einmal am Ufer war jemand zu sehen. Wir überlegten, ob wir zum Ufer schwimmen sollten. Allerdings wollten wir das Boot nicht allein lassen und mit den Ölklamotten am Leib und Gummistiefeln an den Füssen schwimmt es sich nicht ganz so leicht.

Meine Gummistiefel schienen vom Grund des Sees magisch angezogen zu werden und meine Schwimmweste (eine Vorsichtsmassnahme, die uns C.T.s Vater zur Auflage gemacht hatte) machte nicht den Eindruck, als hätte sie dem allzu viel entgegen zu setzen, ich geriet leicht in Panik. C.T. behauptete, ich könnte mit der Schwimmweste nicht untergehen. Ich glaubte ihr nicht, ließ das Boot los und verschwand unter Wasser. Sie packte mich am Kragen und zog mich wieder hoch – meine Panik war berechtigt, ich klammerte mich wieder ans Boot.

Wir begannen langsam, uns mit unserer Lage abzufinden, redeten über dieses und jenes, bis wir völlig durchgefroren mit den Zähnen klapperten. Wir überlegten, vielleicht sogar Nutzen aus der Sache ziehen zu können, da wir bestimmt unterkühlt waren und aufgrund dessen ein paar Tage, vielleicht sogar eine Woche, nicht zur Schule gehen können. Da unsere Mütter beide berufstätig waren, beschlossen wir, dass ich die Woche bei C.T. verbringen würde. Wir wären dann nicht allein und sie hatte in ihrem Zimmer eine Schlafcouch, auf der ich schlafen konnte.

Plötzlich fing C.T. an zu schreien. „Iiiihh! Da schwimmt was!“ Tja, soll vorkommen in einem See. „Das ist ein Aal“, klärte ich fachmännisch auf. C.T. wurde nervös: „Tun die was?“ Ich konnte mir nicht verkneifen zu behaupten, dass Aale Stromschläge erzeugen können, das hatte ich im Fernsehen gesehen. C.T. schrie hysterisch, ich lachte mich kaputt. „Aber nicht die, die hier im See vorkommen.“, dozierte ich. Sie beschimpfte mich als blöde Kuh. Fast hätten wir Streit bekommen, schlossen aber doch Frieden. Immerhin hielten wir es für möglich, dass man uns nicht mehr lebend finden würde und wir wollten unseren gemeinsamen Lebensabend ohne Streit verbringen. Mittlerweile waren seit unserem Kentern etwa 45 Minuten vergangen, uns wurde langweilig, als wir das Geräusch eines Motors hörten.

Wir blickten uns um: Vom Süden kam eines dieser Ausflugsschiffe, die von Seeshaupt nach Starnberg fuhren. Rettung naht! Wir fuchtelten wild mit den Armen rum um auf uns aufmerksam zu machen. Das Schiff verlangsamte seine Fahrt und kam neben uns zum Stehen. Die Besatzung schien amüsiert über unsere missliche Lage. Einer fragte blöd, ob es nicht zu kalt zum Schwimmen sei, ein anderer meinte, wir hätten mehr von der Bootsfahrt, wenn wir das Boot mit dem Kiel nach unten ins Wasser gelassen hätten. Haha! Sie ließen eine Strickleiter runter, wir schwammen rüber und kletterten an Bord. Man wickelte uns in dicke, kratzige Decken und zog unseren Opti aus dem Wasser. Über Funk wurde C.T.s Vater benachrichtigt, der uns in Starnberg in Empfang nahm. Am nächsten Tag fuhr er raus, um das Segel und die Ruder einzusammeln. Krank wurden wir bedauerlicherweise nicht.

Als C.T. in den Folgejahren ihre Segelscheine für größere Boote bestanden hatte, lehnte ich dankend jede Einladung ab. Ich habe seither kein Segelboot mehr betreten und gedenke nicht, daran jemals etwas zu ändern.

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