Der Suizid-Engel

Wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit saß der Weihnachtsmann in dem großen Sessel vor seinem Schreibtisch und war damit beschäftigt, die Weihnachtswünsche auf ihre Durchführbarkeit zu kontrollieren. Da hörte er plötzlich ein ihm fast unbekanntes Geräusch, ganz leise, kaum lokalisierbar, ungewohnt an diesem Ort. Er stand von seinem Sessel auf, spitzte die Ohren und folgte den fremden Tönen.

Je näher er ihnen kam, um so deutlicher vernahm er, dass es sich um ein Wimmern handelte, vermischt mit tiefen Seufzern. Erstaunt darüber suchte er nach der Quelle dieser traurigen Klänge und fand – inmitten der bereitgestellten Geschenke – einen kleinen Engel in schwarzem Outfit.

„Was ist denn mit dir? Warum bist du so traurig?“ Die freundliche Stimme des Weihnachtsmannes und die Warmherzigkeit, mit der ihm begegnet wurde, lösten bei dem Engel ein heftiges Schluchzen und eine scheinbar nicht mehr zu stoppende Tränenflut aus. Der Weihnachtsmann nahm den Engel an die Hand, ging mit ihm zu seinem Sessel, setzte sich und nahm den Engel auf den Schoss. „Ich glaube, wir müssen uns unterhalten“ sagte er. „Verrate mir doch erst einmal, wie du heißt.“ Der Engel brach in noch lauteres Schluchzen aus und stammelte „Su … Suizid“ stotterte der Engel schluchzend. Der Weihnachtsmann erschrak. „Was machst du denn ausgerechnet hier, bei mir?“
„Mich haben sehr viele Menschen auf der Erde zu Weihnachten gewünscht..“ der Engel ließ traurig den Kopf sinken. „Hm …. Und du möchtest nicht zu ihnen?“
„Ja und nein“ antwortete der Engel „es ist alles so kompliziert!“ Der Weihnachtsmann lehnte sich zurück, drückte den kleinen schwarzen Engel an sich, strich ihm liebevoll über den Kopf und sagte „Na, dann erzähl mal. Was ist denn so kompliziert?“ Der Engel war froh, jemanden gefunden zu haben, der sich seine Probleme anhören wollte und sah den Weihnachtsmann dankbar an. Dann begann er zu erzählen:

„Ich glaube, es gibt auf der großen, weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der mich wirklich mag. Viele, sehr viele wünschen sich immer wieder, dass ich zu ihnen komme, aber keiner von ihnen mag mich wirklich. Ich bin für sie eine Lösung, schlimmer noch, die einzige Lösung, die ihnen noch einfällt, die ihnen noch helfen kann. Niemand möchte, dass ich zu ihm komme, weil er mich toll, lieb oder wenigstens einfach nur nett findet. Jeder, der mich wünscht, tut es nur, weil er verzweifelt ist und nichts anderes mehr helfen kann. Alle Menschen, die ich kennen lerne, sind verzweifelt, gepeinigt, gequält und am Ende ihrer Kräfte. Und immer wieder werde ich herbeigerufen, eile so schnell ich kann und dann – kurz bevor ich da bin, schicken sie mich wieder weg. Ständig hetze ich mich umsonst ab. Gemessen an der Anzahl der Rufe nach mir, schaffe ich es nur selten, an mein Ziel zu gelangen, das macht mich oft traurig, weil ich nicht schnell genug war und ein Mensch weiter leiden muss. Viele reden ständig von mir, wie sehr sie mich doch herbei sehnen. Gleichzeitig haben sie aber Angst vor mir, trauen sich nicht einmal mir in die Augen zu sehen, wenden sich ab, damit ich ihnen nur nicht zu nahe komme. Andere schicken mich wieder weg, weil sie meine schlechte Seite kennen und fürchten, obwohl sie selbst ja nichts mehr zu fürchten haben, wenn ich erst mal bei ihnen war. Ich weiß, dass ich den meisten, die ich erreicht habe, das gegeben habe, was sie sich so sehr erhofft haben. Ich habe sie von vielen unangenehmen Gefühlen und Gedanken befreit, habe ihnen die Ruhe gegeben, die sie vorher nicht hatten, teilweise nicht einmal kannten. Ich habe ihren Qualen und Schmerzen ein Ende bereitet, konnte ihnen das geben, was sie sich so sehr wünschten. Das würde mir eigentlich auch ein gutes Gefühl geben, wenn ich nicht genau wüsste, dass dadurch meine schlechte Seite zum Vorschein kommt, was ich bei denen anrichte, die mich gar nicht wollen, nicht kennen, teilweise nicht ein einziges Mal in ihrem Leben daran dachten, dass es mich überhaupt gibt. Sie hassen mich, sie verstehen mich nicht, sie wünschen sich, dass es mich gar nicht gäbe, sie akzeptieren mich nicht und sie kommen nicht damit klar, dass es mich gibt. Und ich kann sie auch gut verstehen. Ich löse bei ihnen so viele unangenehme, quälende und schmerzende Gefühle aus. Und einige von ihnen quäle ich so sehr, dass sie mich eines Tages ebenfalls herbei sehnen, weil ich ihnen so weh getan habe, ihnen solche Schmerzen zugefügt habe, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Kannst du verstehen, lieber Weihnachtsmann, dass mich das alles so unendlich traurig macht?“

Der Weihnachtsmann war tief betroffen. Hilflos strich er dem schwarzen Engel wieder über den Kopf, drückte ihn tröstend an sich. „Und was, mein kleiner Engel, kann ich nun für dich tun? Was führt dich hierher?“ Der Engel sah den Weihnachtsmann mit großen, traurigen Augen an und der Weihnachtsmann konnte deutlich den Schmerz und die Verzweiflung erkennen, die hinter diese Augen lagen. „Ich habe einen Weihnachtswunsch. Meinst du, du kannst ihn mir erfüllen?“ Der Weihnachtsmann seufzte „Eigentlich sind Weihnachtswünsche für Engel nicht vorgesehen. Aber sag ihn mir. Ich werde tun, was in meiner Macht steht.“ Der Engel atmete tief durch, nahm seinen ganzen Mut zusammen, blickte dem Weihnachtsmann in die Augen und sagte: „Ich wünsche mir, dass ich jemand anders sein kann. Und wenn das nicht geht, dann möchte ich gar nicht mehr sein, dann möchte ich sterben.“

Ein Kommentar zu Der Suizid-Engel

  1. Pingback: Der Suizid-Engel | Geschreibsel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.