darki & die Kakerlaken

August 1999:

Als der Gedanke an eventuell vorhandenes Ungeziefer erstmals auftauchte, waren der Mietvertrag unterschrieben und die Schlüssel bereits übergeben. Blieb also nur die Hoffnung, die sich allerdings als Flop erweisen sollte.

Bevor wir unser Equipment dekorativ in der neuen Wohnung über der Bäckerei verteilten, inspizierten wir jeden Winkel auf das Genaueste, jedoch ohne irgendetwas Verdächtiges zu entdecken. So lebten wir einigermaßen beruhigt und vor allem allein im trauten Heim – volle drei Wochen lang.

An jenem legendären Abend drei Wochen später ging ich in die Küche und bemerkte einen länglichen, ca. 1 cm großen Fleck auf dem Boden vor der Spüle, der zuvor nicht da war. Das wusste ich genau. Als ich näher ging um zu gucken was das ist, lief der Fleck vor mir davon und versteckte sich unter der Spüle. Nachdem die kalten Schauer von meinem Rücken runter gelaufen waren, untersuchte ich den Küchenboden eingehend nach Spuren, die auf die Herkunft des befußten Flecks deuteten. In einer Ecke fand ich einen kleinen Haufen Holzspäne vor. Verwundert hob ich den PVC-Boden an und entdeckte ein kleines Loch in den Holzdielen, umringt von weiteren, augenscheinlich frischen Spänen. Ich rief nach meinem Mann und präsentierte ihm das Ergebnis meiner Ermittlungen. Wir schmierten das Loch mit Silikon zu und fegten die Späne weg. Der Fleck hatte sich leichtsinnigerweise noch einmal unter der Spüle hervorgewagt und wurde mit dem lokalen Wochenblatt erschlagen. Wir fühlten uns als Sieger – für weitere zwei Wochen.

J. war zu Besuch. Wir saßen am Esstisch im Wohnzimmer, als sich eines dieser ekligen Käfertiere zu uns gesellte, etwas unkonventionell indem es an der Wand hochlief. Reaktionsschnell nahm ich mein leeres Glas und stülpte es über das Tier. Ich schob eine Pappe darunter und stellte das selbstgebaute Gefängnis nebst Insassen zunächst auf die Küchenfensterbank. Am nächsten Tag ging ich in die Bäckerei zu unserer Vermieterin und berichtete ihr von den beiden Vorfällen. Sie zeigte sich entsetzt, erzählte mir, dass man regelmäßig Gift gegen Ungeziefer sprühen würde, entschuldigte sich mehrfach und gab mir eine Dose Blattanex mit.

Ich probierte das Zeug sofort an meinem Fang vom Vorabend aus. Die Wirkung war enorm: Die angesprühte Schabe schmiss sich unverzüglich auf den Rücken, zappelte kurz mit allen sechs Beinen sowie den Fühlern und blieb dann regungslos liegen.

In der Folgezeit bekamen wir immer häufiger unerwünschten Besuch der sechsbeinigen Art. Einmal kamen wir spätabends heim und wurden Zeugen eines Geburtsvorgangs in unserer Spüle. Angesichts der Spezies, die da das Licht der Welt erblickte, verlor dieses Schauspiel der Natur alles Wundervolle. Dutzende millimetergroße Käferchen fanden bereits in den ersten Minuten ihres Lebens den schnellen Blattanex-Tod. Den Rest der Nacht scheuerte ich die Spüle und putzte die ganze Küche. Abschließend sprühte ich prophylaktisch alle Ecken ein.

Im Verlauf der nächsten Wochen spielte ich Insektenforscher. Die für meine Experimente erforderlichen Objekte fing ich in diversen Glasgefängnissen. Besonders schwierig war das nicht. Sie verloren immer mehr Hemmungen, wurden immer zutraulicher, liefen überall rum. Ich hielt sie einzelnen, paarweise und in Gruppen auf den Hängeschränken der Einbauküche. Ich prüfte ihre Reaktionen auf Hitze und Kälte, beobachtete ihre Vermehrung, zählte ihre Nachkommen und verfolgte deren Wachstum, ich testet ihr Schwimmvermögen und ihre Nikotinverträglichkeit. (Sie vertragen es nicht, allerdings dauert der Sterbeprozess durch Nikotin ausgelöst wesentlich länger als der Blattanex-Tod). Irgendwann wurden sie langweilig und ich brachte sie alle um.

Wenige Wochen später renovierten wir Flur und Küche, zogen Holzdecken ein, pappten neue Tapeten an die Wände und verlegten Laminat. Bevor wir letzteres taten, füllten wir die Ränder der alten Holzdielen, die unter dem PVC bzw. Teppich waren, mit Unmengen von Silikon. Nun mussten die Eindringlinge erstmal ordentlich Kaugummi kauen um in unsere Wohnung zu gelangen.

Längere Zeit herrschte Ruhe. Bis wir aus einem fünftägigem Urlaub zurückkamen. Sie waren überall, feierten Partys im Wohnzimmer, spielten Verstecken im Schlafzimmerschrank und tanzten munter auf der Kücheneinrichtung. Wir sprühten was die Dose hergab und rissen sämtliche Fenster auf, um nicht selbst auf dem Rücken am Boden liegend ein letztes Mal mit den Beinen zu zucken. Angewidert gingen wir abends ins Bett, konnten kaum noch schlafen.
Es sollte noch schlimmer kommen. Die Heizung musste repariert werden. Der Monteur lächelte über „die paar Käfer“ in unserer Wohnung (von denen wir berichteten, als man irgendwie darüber ins Gespräch kam). „Im Heizungskeller sind Tausende!“ Beruhigend war das nicht gerade.

Wir überzeugten uns selbst davon und schlichen uns nachts in den Keller. Was wir dort sahen übertraf unsere schlimmsten Erwartungen: In der Ecke, in welcher der Heizkessel stand, war der Boden schwarz und bewegte sich. Überall krabbelte es. Abertausende der widerlichen Tiere tummelten sich in dem Raum, in dessen Mitte gerade zwei neugeborene Ratten neben dem Kadaver ihrer Mutter verreckten, offensichtlich an dem Rattengift, welches überall im Keller ausgelegt war. Ich kann mich nicht erinnern, mich bereits einmal dermaßen geekelt zu haben.

Wir gingen am nächsten Tag sofort auf Wohnungssuche, wollten keinen Tag länger als unbedingt nötig in dieser Wohnung bleiben. Immer häufiger hatten wir das Viehzeug in der Wohnung, der Blattanex-Verbrauch stieg stark an. Schnell hatten wir eine neue Wohnung gefunden, die wir aber noch renovieren mussten.

Als wir an einem Samstag Abend recht spät aus der neuen Wohnung zurück kamen, fanden wir neben den uns bestens bekannten und mit 1,5 cm Länge (+ Fühler) relativ kleinen, braunen Küchenschaben eine von diesen fetten, schwarz glänzenden, ekligen, über 2 cm langen Kakerlaken. Neben dem extrem hohen Ekel-Faktor war die Blattanex-Resistenz eine ihrer herausragendsten Eigenschaften. Wir inhaftierten auch diese in einem Glasgefängnis, nachdem sie unser Sprühen nur mit einem Schulterzucken quittierte bevor sie versuchte wegzurennen. Das Biest war verflucht schnell! Aber wir bekamen sie trotzdem. Eine weitere ihrer Art erledigten wir durch unmittelbares Ansprühen aus nächster Entfernung. Vermutlich ist sie eher vor Schreck gestorben als am Blattanex, aber egal, das Ziel war erreicht.

Ich ging duschen und als ich aus der Dusche stieg sah ich etwas über den Flur rennen. Eindeutig zu groß um zur Familie unserer Untermieter zu gehören. Nackt wie ich war, folgte ich ihm ins Wohnzimmer, wo mein Mann dazustieß, der ebenfalls nackt war, weil er nach mir duschen wollte. Das verfolgte Etwas rannte quer durch den Raum und wir identifizierten es als Maus. Es folgte eine äußerst grotesk anmutende Szene: Zwei Nackte durchsuchten hektisch das Zimmer, rückten Gegenstände und Möbel zur Seite, die Couch von der Wand und knieten sich zwischendurch immer wieder auf den Boden, um unter den Möbeln zu suchen. Nach etwa 15 Minuten kletterte das Tier an der Raufasertapete zur Fensterbank hoch und von dort rettete es sich über den Holzrahmen des gekippten Fensters nach draußen.

Am nächsten Tag räumten wir fluchtartig das Feld, sorgsam darauf achtend, dass sich kein ungebetener Untermieter in einem der Umzugskartons einschlich.

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